Tabuthema

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Eine Woche und 2 Tage sind vergangen, seit ich folgenden Text geschrieben habe. Ich habe lange mit mir gerungen, ihn zu veröffentlichen.
Gut möglich, das meine schonungslosen Worte die Gemüter erhitzen werden. Dafür möchte ich mich entschuldigen. Niemandem soll aufgedrängt werden, das zu lesen, oder sich damit zu befassen.
Ich werde mich jedoch nicht für meine Geschichte entschuldigen, ich mache mir Vorwürfe genug.
Es ist und bleibt wohl ein Tabuthema, obwohl sehr viele Frauen – und auch Männer, von solch einer Erfahrung betroffen sind.
Ich möchte euch bitten, nur weiterzulesen, wenn ihr euch stark genug dafür fühlt.
Es geht um den Verlust meines ungeborenen Kindes. Oder anders ausgedrückt, meinen Schwangerschaftsabbruch.
Die folgenden Zeilen tragen für mich massgeblich zur Verarbeitung dieser schmerzlichen Erfahrung bei.
Sie sind meine Form des Abschieds.

 

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Vier Jahre ist es her.

Auf den Tag genau.
Weinend sass ich auf dem Badezimmer-Boden.
Das Blut rinnte meine Beine hinab..
Und die Blutlache zu meinen Füssen wurde grösser und grösser.
Es schien gar nicht enden zu wollen..
Alleine sass ich da.
Betrauerte jämmerlich den herbeigeführten Tod meines eigenen Kindes.
Voller Schuldgefühle und gleichzeitig machtlos war ich dabei, während es sich gezwungenermassen von mir verabschiedete.
Wie furchtbar.

Es tut mir so unendlich leid..
Ich war zu feige, Dein schlagendes Herz auf dem Monitor zu betrachten..
Ich wusste, es würde mich noch ganz zerreissen.
Dein Vater war überfordert.
Und ich, die Deine Mama hätte werden sollen, nicht stark genug.
Verzeih mir Elunée!
Ich wollte das nicht,
ich wollte kämpfen, es tut mir so leid.
Du warst zu kostbar für diese Welt.
Für mich, als Deine Mutter.
Ich hätte alles für Dich getan.
Und wenn Du mich fragen würdest (obwohl ich denke, das Du die Antwort kennst), ob das alles war – Was würde ich antworten?

Ich habe den grössten Schmerz auf mich genommen, den eine Frau empfinden und auf sich nehmen kann.
Ich habe Dich, mein Kind, zum gehen gezwungen, mit der Absicht, Dich vor einem Leben, wie es Dich erwartet hätte zu bewahren und beschützen zu wollen.
Ich habe Dich vor dem Schmerz bewahren wollen, von Deinem eigenen Vater nicht gewünscht und geliebt zu werden.
Ich wollte verhindern, das Du eine Frau zur Mutter hast, die fast selbst noch ein Kind und sich von Ängsten und Illusionen geprägt durchs Leben schummelt.

Ich wünsch(t)e mir für Dich einen liebenden Vater, der sich freut, Dich auf dem Weg ins Leben zu begleiten.
Ich wünsch(t)e mir für Dich ein sicheres Zuhause, das nicht von Ängsten erfüllt ist.
Ich wünsch(t)e mir für Dich eine starke Frau zur Mutter, die allen Herausforderungen gewachsen und unbeirrt auf eigenen Beinen stehend durchs Leben zu gehen vermag. Die sich selbst lieben und genug sein kann und in der Lage ist, Dir diese Eigenschaften mit auf Deinen Weg zu geben.

Es gibt etwas, was ich mit Bestimmtheit sagen kann. An einem hätte es Dir nie gemangelt:
An meiner unerschöpflichen Liebe zu Dir, mein Kind, mein liebster Engel.
Daran mangelte es nie. Niemals.

Genauso stark ist nun der Schmerz.
Ich muss lernen loszulassen, und obwohl ich Dich vor vier Jahren so schnell – viel zu schnell – gehen lassen musste, glaube ich nicht, das ich Dich wirklich je losgelassen habe.
Geschweige denn, loslassen möchte.
Ich liebe Dich, ich liebe Dich, Elunée.
Welche Mutter will schon ihr Kind gehen lassen?
Oder ist es das, genau das, was wahre Liebe einer Mutter ausmacht?

Vielleicht sind das alles nur Ausflüchte, Entschuldigungen, Ausreden und Lügen. Mir selbst etwas vormachen wäre ja auch durchaus leichter zu ertragen. Es wäre ein vergebliches Versuchen mich vor dem unsagbaren Schmerz zu bewahren. Ich weiss es nicht, meine Kleine.
Ich weiss nur, das Du mir fehlst und ich Dich von ganzem Herzen geliebt habe, liebe, und immer lieben werde.
Dich gehen zu lassen, war das Schlimmste und gleichzeitig (so rede ich es mir ein) das Weiseste, was ich machen konnte.
Mein Kopf sagt mir, das es gut war.
Aber mein Herz bereut bis heute.
Normalerweise würde ich darauf beharren, das alles nichts wert ist, solange das Herz bereut.
Doch Du bist es wert!
Du bist all das wert!!

 

-sphilo-

 

 

 

 

16 Gedanken zu “Tabuthema

  1. Ein sehr ehrlicher, bewegender Text… Ich bin selbst gerade in einer Situation, die mir Angst macht, eine Situation, die ich nie zugelassen hätte, wenn ich gewusst hätte, dass sie eintreten könnte. Das hätte jedoch auch bedeutet, dass mein kleines Mädchen heute nicht da wäre. Diese Erkenntnis spaltet mich… Die Angst meinem Kind nicht (mehr) das Leben geben zu können, was ich ihr geben wollte…Einer deiner Gründe für diesen schweren Schritt ist auch mein Grund für die momentane Situation, ich fühle mit dir und kann trotzdem nicht erahnen, wieviel größer dein Schmerz im Vergleich zu meinem sein muss…

    Ich wünsche dir viel Kraft und weiterhin den Mut, damit auf diese offene Weise umzugehen. Damit es einen nicht innerlich zerfrisst muss es manchmal einfach raus…

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    1. Liebe Cathi
      Ich Danke Dir von ganzem Herzen für Deine Zeilen.
      Auch wenn wir gewisse Lebenssituationen manchmal kaum aushalten, so bin ich doch überzeugt, das alles genau so sein soll, wie es ist oder kommt. Auch wenn wir es nur schwer erkennen oder wahrhaben wollen, es gibt immer einen Sinn. Da passt leider der bekannte Satz „Krisen als Chance“ (auf inneres Wachstum). Wir werden als starke Frauen aus diesen Situationen gehen.
      Ich wünsche auch Dir viel Mut und Kraft!
      Höre auf Dein Herz, vertraue Dir..
      Alles Liebe
      sphilo

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  2. Hallo, liebe S(ph)ilo

    Habe mit großer Berührung deinen Text gelesen, deine Abschiedsworte und deine Liebesprosa an dein Kind. Ich bin zwar selbst keine Mama und auch keine potentielle, ich habe nicht das gleiche Schicksal wie du erleiden müssen, allerdings berühren mich deine Worte sehr.
    Ich kann mir vorstellen, dass es mitunter sehr schwer ist diese Entscheidung zu fällen und extrem schmerzhaft zu sehen, wie sie Realität wird. Es ist diese berühmte Entscheidung einmal aus einem persönlichen Lich gesehen und nicht aus politischer oder kirchlicher und das ist schon sehr ergreifend. Ich wünsche dir alles Liebe und Gute!

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      1. gerne! Ich glaube, dass man da einfach sehr sensibel mit dem Thema umgehen muss. Ich selbst wüsste nicht ob ich bei einer Schwangerschaft diesen Schritt gehen könnte, aber es wäre für mich so oder so wahrscheinlich eine schwere Situation. Würde ich das Kind bekommen, dann würde ich wahrscheinlich zu den Kandidatinnen der #regrettingmotherhood gehören. Ich glaube, dass beides sehr schwer ist, weil das Thema „Kind“, „Mutterschaft“, „Vaterschaft“, eines der sensibelsten und intimsten Themen ist, die man/ frau haben kann. Ich veröffentliche demnächst sowieso einen kleinen Blogbeitrag, weil ich glaube, dass dies Themen mal angesprochen werden müssten und obwohl ich das nur schreibe gerade, fühle ich mich schon fast wie eine Verbrecherin, dabei ist das einfach etwas sehr, sehr sensibles. Alles Liebe!

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      2. Ja da hast Du völlig recht.
        Bevor ich diese Erfahrung machen musste/durfte, habe ich solch eine mögliche Situation auch aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Ich mag nicht mehr schweigen und den Schein wahren. Und auch wenn viele Stimmen kein Verständnis mit sich bringen, so gibt es immer diejenige, die Verständnis haben, die Augen nicht verschliessen wollen, oder gar selbst betroffen sind. Und genau für diese Menschen schreiben Du und ich. Ich finde es toll, wie offen und ehrlich Du auf meine Worte reagierst und es berührt mich sehr.
        Ich Danke Dir, liebe Stella

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      3. Vielen lieben Dank für deine netten Worte. Ich verstehe dich ja und ich verstehe auch, warum viele Menschen sich hier sehr schwer tun, das zu verstehen oder gar zu akzeptieren. Es ist wichtig und gut, dass dieses Tabuthema gebrochen wird- ansonsten wird ein breitgefächertes Gespräch nie möglich werden.

        Alles Liebe!
        🙂

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  3. Hat dies auf Starlit Sky thoughts rebloggt und kommentierte:
    Ich habe diesen Beitrag gefunden in der die liebe S(ph)ilo aus sehr persönlicher Sicht, ihren Schwangerschaftsabbruch beschreibt und eine Botschaft für ihr ungeborenes Kleines hat.

    Der Text ist sehr liebevoll geschrieben und es belichtet das Thema Schwangerschaftsabbruch von einer sehr persönlichen und emotionalen Seite. Ich glaube, dass er sehr hilfreich ist, das Große und Ganze hinter dieser Entscheidung zu sehen.

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  4. Du bist ein ehrlicher und guter Mensch, ich denke das das Schreiben auch eine Art und Weise der Bewältigung des Schmerzes und der Trauer für dich sind. Es ist ein guter Weg! Ich persönlich wünsche dir alles Gute und vielleicht nochmal in die Gelegenheit einer Schwangerschaft zu kommen. Ich glaube das nächste mal wirst du mehr Kraft und Zuversicht haben und die richtige Entscheidung treffen.

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  5. Pingback: Eingeholt | sphilo

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